Cui bono?

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Die Netzwerk-Gesellschaft stellt Interessensvertreter vor große Herausforderungen. Auf der Suche nach Lösungen gilt es die richtigen Fragen zu stellen und aus dem eigenen Selbstverständnis heraus ein Konzept zu entwickeln, das sich nicht am „Ja, aber“ der lauten Propaganda-Botschaften orientiert, meint der Philosoph Leo Hemetsberger im Gespräch mit GEDIFO.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Interessensvertreter?

Wer heute Allianzen und Bündnisse bilden will, muss über parteipolitische Barrieren hinweg agieren können. In Österreich durchdringen politisch-ideologische Blickrichtungen aber nach wie vor die Interessensvertretungen. Das ist meiner Meinung nach nicht sehr vernünftig. Den neuen Herausforderungen der Netzwerk-Gesellschaft kann am besten mit alten Regeln begegnet werden, die da lauten: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Was braucht es, um diese Haltung einzunehmen?

Die Interessensvertreter sollten sich ihrer Existenzkrisen längst bewusst sein, sowohl auf Arbeitnehmer- wie auch auf Arbeitgeber-Seite. Ein wichtiger Schritt besteht darin, antike und fast archaisch anmutende Kommunikationsstrukturen achtsam zu reorganisieren. Dabei reicht ein simpler Transfer gewohnter Formate ins Digitale nicht aus. Vielmehr muss der direkte Kontakt zur Basis wieder hergestellt und muss die Verbindung zu den Mitgliedern entlang deren Bedürfnissen gefestigt oder gar neu geknüpft werden. Nur so können Interessensvertreter wieder schlagkräftig werden.

Wie könnte das gelingen?

Die Menschen wollen persönlich angesprochen werden. Dazu muss ich mir überlegen, wen ich mobilisieren möchte. So erreiche ich die Generation 50 plus, die in den sozialen Medien mitunter gar nicht anzutreffen ist, eher mittels E-Mail Newsletter oder über persönliche, sogar handgeschriebene, Briefe. Auf diese Weise und mit einfachen Botschaften lassen sich nachfolgende, direkte Gespräche initiieren.

Wie agieren erfolgreiche Funktionäre im Informationszeitalter?

Wir informieren uns immer dezentraler. Von der „geistigen Luftverschmutzung“ durch diverse Gratiszeitungen abgesehen, können wir topaktuelle Erstinformation heute fast in Echtzeit abrufen. Information ist aber immer nur dann wertvoll, wenn die Zielperson ein spezifisches Interesse damit verbindet. Erfolgreiche Funktionäre müssen folglich mit Empathie am Bedürfnis ihrer Zielgruppen ansetzen. Nur so erreichen sie die nötige Aufmerksamkeit und können weiter in die Tiefe gehen. Fachliche Kompetenz allein reicht heute nicht mehr.

Lassen sich Menschen über soziale Medien mobilisieren?

Die bereits mehrfach zitierte Meerschweinchen-Mentalität setzt sich immer mehr durch. In den sozialen Medien wird gemütlich gekuschelt, man tauscht sich im persönlichen Echo-Raum aus, der echte Zusammenhalt aber fehlt. Was nützen die mit der französischen Flagge eingefärbten Profilbilder auf Facebook, wenn echtes politisches Engagement fehlt? Wenn es hart auf hart geht, wird Politik immer noch auf der Straße gemacht. Interessensvertreter haben hier in erster Linie eine Koordinations-Funktion. Wobei sich wiederum die Frage stellt: Wen möchte ich mobilisieren? Wer ist meine Zielgruppe? Welche Botschaft sende ich aus? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, erweisen sich Whatsapp und Twitter als brauchbare Medien.

Wie steht es um den Erhalt der sozialen Sicherheit?

Wenn wir das größere Bild betrachten, so geht es uns in Österreich noch ziemlich gut. Allerdings erodieren gewisse Sicherheiten zusehens und es stellt sich die dringliche Frage, wie wir uns wichtige soziale Errungenschaften halten können. Es gilt, unseren gesellschaftspolitischen Basiskonsens neu zu verankern, ohne uns dabei vom manipulativen Krisengeschrei derer verunsichern zu lassen, die unser soziales Netz für obsolet erklären. Denn: Cui bono, wer hat etwas von den Verunsicherungen? Auf der Suche nach Lösungen geht es zunächst darum, die richtigen Fragen zu stellen.

Welche Fragen stellen Sie sich?

Wer sagt, dass das BIP immer noch ein geeigneter Wohlstands-Indikator ist? Was ist das gute Leben? Was, wenn die Arbeitslosen sich – ihrer Würde bewusst – formieren und engagieren? Wieso entbrennen an den Themen Bildung und Grundeinkommen immer dieselben ideologischen Schaukämpfe? Wann ist genug gespart – und was kommt danach? Haben wir überhaupt einen freien Raum für öffentliche Meinung, wo wir diese Fragen diskutieren können? Wer behauptet, hier die Deutungshochheit zu haben? Wie können Interessensvertreter aus dem eigenen Selbstverständnis heraus Konzepte entwickeln, die sich nicht am „Ja, aber…“ der lauten Propaganda-Botschaften orientieren?

Was sind aktuelle gesellschaftspolitische Kernthemen?

Wir müssen erkennen, dass wir selbst bestimmen, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Ein CEO hat wenig Spielraum. Sobald er gegen bestehende Systemregeln verstößt – und das sind derzeit kurzfristige Investoreninteressen -, wird er ersetzt. Das aktuelle Beispiel der Unicredit-Bank/Austria veranschaulicht diese Logik sehr deutlich. Eine wichtige Erkenntnis daraus ist, dass in einer Aktiengesellschaft kleine, vertraglich verankerte Sperrminoritäten offenbar einen großen Hebel gegenüber scheinbar mächtigen internationalen Playern haben. Doch obwohl kleine, agile Einheiten flexibler agieren können als hierarchische Strukturen, hält der Trend zu größeren Einheiten an.

Wie könnte man hier gegensteuern?

Das vorherrschende Primat der Ökonomie gegenüber der Politik führt zu großen Problemen, weil das Gemeinwohl aus dem Blickfeld verschwindet. Das Märchen vom Kampf aller gegen alle muss dekonstruiert werden. So ist es meiner Meinung nach auch ein Fehler zu denken, dass die öffentliche Verwaltung im Sinne des Good Governance nach unternehmerischen Spielregeln zu funktionieren hat. Wir können öffentliche Sicherheit nicht in Zahlen gießen. Insgesamt ist es ein Trugschluss zu glauben, dass uns die Quantifizierung aller Lebensbereiche weiter bringt. Ein vernünftiges Maß setzt Qualität und Quantität miteinander in Bezug. Da sollten wir hinschauen. Die entstandenen Probleme können nur im kooperativen Miteinander gelöst werden. Dafür brauchen wir pluralistische Diskurse.

Und was ist mit dem Ruf nach innovativen, nachhaltigen Lösungen?

Verzeihen Sie, aber das ist Bullshit Bingo – das ist meist nichts weiter als ein Ablenken von der Tatsache, dass wir die eigentlichen Probleme nicht angreifen wollen. Wir sind im Grunde nicht bereit, die Regeln zu ändern. Sobald es an die eigene wirtschaftliche Existenz geht, fehlt den meisten Menschen doch der Mut. Angst macht gefügig.

Könnten Bildungsmaßnahmen positiv wirken?

Bildungsmaßnahmen kommen in Organisationen relativ rasch an ihre Grenzen, da sie immer in Bezug zu den Unternehmenszielen gesetzt werden. Kreative Bildungsaktivitäten wie Theater, Musik, Tanz oder Malerei, die das sogenannte „Out of the Box“ Thinking ermöglichen, lassen sich vor einer Controlling-Abteilung nicht rechtfertigen. Diese wollen vorwiegend Aus- und Weiterbildungsprogramme verantworten, deren Effekte sich in Zahlen darstellen lassen. Das Paradoxe ist, dass wir Innovation fordern, gleichzeitig jene Bereiche streichen, die Kreativität fördern. Das ist ganz einfach „ver-rückt“.

Zur Person: Dr. Leo Hemetsberger ist Philosoph und hat sich auf die Bereiche Ethik, Compliance und Executive Coaching spezialisiert.

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