Erhöhte Wertschätzung fordert ihren Preis

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Sobald Arbeit mit positiven Gefühlen verbunden wird, ist sie unter Umständen billig zu haben. Konzerne nutzen das aus. Die Dividenden steigen, die realen Einkommen sinken. Armut nimmt trotz „Mehr-Arbeit“ zu.

Arbeit muss kein Mühsal sein. Nach diesem Credo agieren Personalmanager in Europa seit den 1970er Jahren. Was zählt, sind individuelle Wertschätzung, Spaß im Job und intellektuelle Herausforderung. Was es dafür braucht, ist ein transformationaler Führungsstil: Vermögen Führungskräfte ihre Mitarbeiter zu motivieren, sind diese zu Höchstleistungen bereit, ohne dafür eine höhere monetäre Gegenleistung zu erwarten.

Konzerne profitieren

Konzerne verzeichnen dank dieser Personalpolitik hohe Dividendenzuwächse bei ungleich niedrigen Personalkosten. Tatsächlich sind viele Arbeitnehmer bereit, sich auf weniger Absicherung und Entlohnung einzulassen, weil ihnen ihr Job doch eigentlich „Spaß“ macht. Einer Studie der deutschen Bertelsmann Stiftung zufolge gelten Tarifverträge in Deutschland nur noch für 62 Prozent der Beschäftigten und ein Drittel aller Betriebe. Die Zahl der nicht abgesicherten Arbeitnehmer ist in Deutschland in den letzten 20 Jahren um mehr als 70 Prozent gestiegen. Genaue Angaben fehlen. Der klassische, daraus resultierende Konfliktfall ist zuviel Arbeit bei zuwenig Geld, samt all der Nebenerscheinungen wie psychische Belastungen, gesundheitliche Beeinträchtigungen und der Griff zu leistungssteigernden Mitteln. Ein Blick nach Großbritannien zeit, dass der Null-Stunden-Vertrag als Job-Modell diese Entwicklung auf die Spitze treibt. 700.000 Briten arbeiten derzeit ohne Lohn-Garantie. Zwar sind die Arbeitslosenzahlen von 8 auf 5.8 Prozent gesunken, die Zahl der von Armut Betroffenen hingegen steigt kontinuierlich an.

Sozialhistoriker mögen überrascht sein, dass niemand auf die Barrikaden steigt, obwohl die Sozialstandards sinken. Das könnte unter anderem daran liegen, dass sich die Gut-Verdiener ohnehin gut fühlen, während „die Anderen“ kaum politischen Druck aufbauen können, weil sie sich ohnehin in prekären Beschäftigungsverhältnissen befinden.

Die CoP Zeitarbeit will sich beim nächsten Treffen im November mit der Problematik der Prekarisierung und dem Thema „Schein-Werkverträge“ auseinander setzen. Die Frage ist, ob Betriebsräte hier Einfluss nehmen können und wenn ja, welche Rolle sie einnehmen müssen.
Info und Anmeldung: ulrich.schoenbauer@akwien.at

Foto: „Hanging from Clothesline“ (artist: John Sandler)

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