Wie krank macht das Gesundheits- und Sozialsystem?

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Jede/r Vierte in Gesundheitsberufen Beschäftigte leidet unter emotionaler Erschöpfung, so die Ergebnisse einer AK-Studie. Nicht viel besser dürfte die Situation in den Sozialberufen sein. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Mit der Alterung der Bevölkerung nimmt die Nachfrage nach medizinischen Leistungen zu. Und es bröckelt der soziale Zusammenhalt. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer – Sozialarbeit ist mehr denn je gefragt, um jene zu unterstützen, die dabei unter die Räder kommen. Gleichzeitig verschlechtern sich die Rahmenbedingungen, denn die neoliberale Spar- und Privatisierungspolitik macht auch vor der Gesundheits- und Sozialarbeit nicht halt. Mit schwerwiegenden Konsequenzen für das Selbstverständnis der Ärztinnen, Pflegerinnen und SozialarbeiterInnen. Statt „Dienst am Menschen“ zu seiner Selbstermächtigung, geht es heute zu allererst um Effizienz: Wie können mit geringsten Kosten gerade noch tolerable Standards eingehalten werden? Wir erleben eine Umwertung der Werte, von Empathie und Engagement zu Zahlendenken und Zynismus. Die Identität ganzer Berufsgruppen steht auf dem Spiel. Durch Gesundheits- und Sozialarbeit werden die Kollateralschäden neoliberaler Wirtschaftspolitik nicht mehr kompensiert, im Gegenteil: Selbst dort dominiert mittlerweile die reine Marktphilosophie – Ressourceneinsätze müssen sich lohnen und Projekte sich rechnen.

Der Neurologe und Burnout-Experte Wolfgang Lalouschek vergleicht den Wandel der Arbeitsbeziehungen mit den Prozessen auf den Finanzmärkten. Wie es dort zu einer globalen Umverteilung der finanziellen Ressourcen von unten nach oben kommt, so lässt sich Analoges auf den Arbeitsmärkten beobachten. Die Macht verschiebt sich von unten nach oben, die Ansprüche nehmen zu (high demand), die eigenen Einflussmöglichkeiten werden geringer (low influence). Damit erodiert eine der wesentlichsten Grundlagen psychischer Balance: die Gestaltungsmacht, definiert als sichtbarer Erfolg durch eigenes Bemühen. „Macht“ im Sinne von Wirksamkeit und Selbstwirksamkeit ist aber eine der wesentlichsten gesunderhaltenden Ressourcen. Umgekehrt nehmen mit zunehmender Ohn-Macht psychische Erkrankungen zu. Folge davon ist die derzeit grassierende Burnout-Epidemie. Eine nachhaltige Verbesserung wird nur durch die Veränderung jener Verhältnisse gelingen, die das meist hohe intrinsische Engagement der Mitarbeitenden systematisch gefährden. „Angewandte Burnoutprävention besteht daher auch nicht so sehr in der Durchführung von Burnout-Seminaren, sondern in der glaubwürdigen Auseinandersetzung mit den realen und konkreten Problemen der Mitarbeitenden, Teams und Führungskräften“, so Lalouschek.

Wie die Daten der Statistik Austria zeigen, fallen immer häufiger ArbeitnehmerInnen wegen psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen aus. Von dem einer neoliberalen Sparpolitik geschuldete Auseinanderklaffen von Anspruch und Möglichkeiten (high demand – low influence) scheint der Gesundheits- und Sozialbereich besonders betroffen sein, ein Sektor mit immerhin 360.000 Beschäftigten. Brechen hier die Dämme, so hat das ungeahnte gesellschaftliche Folgewirkungen. Erste Ideen, an welchen Rädern zu drehen wäre, wurden bei der jüngsten Fachtagung „Was ist los im Sozial- und Gesundheitssystem“ diskutiert.

Foto: © mickyso – Fotolia.com

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