Schöner Scheitern

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„Was uns nicht umbringt, macht uns stärker“, heißt es im Volksmund. Oder: „Verlieren schult den Charakter.“ In den Selbsthilfe-Abteilungen der Buchgeschäfte stapeln sich Titel wie „Besser scheitern“, „Krise als Chance“ oder gar „Die Kunst des Scheiterns“.

Man könnte fast schon meinen, Scheitern wäre „in“. Womöglich läuft dieser ganze Boom aber auch nur darauf hinaus, dass wir im Grunde noch besser, noch schneller und noch motivierter sein müssen? Wenn schon Scheitern, dann nämlich nur, wenn wir da gestärkt wieder raus kommen. In der Öffentlichkeit zählt, wer strahlt. Resilienz heißt das Zauberwort des 21. Jahrhunderts. Egal, ob es sich um beziehungskrisen-geplagte Promis handelt, um disqualifizierte Sportler, gescheiterte Politiker oder degradierte Manager: Es geht uns wunderbar, unsere Projekte laufen bestens, die Party war der Hammer und der Urlaub war diesmal sowieso der schönste aller Zeiten.

Unser Umgang mit dem Scheitern

Was das Zukunftsinstitut bereits 2004 forderte, nämlich einen neuen kulturellen Umgang mit dem Scheitern, scheint eine höchst notwendige Strategie für das (seelische und finanzielle) Überleben geworden zu sein. Wir müssen Niederlagen akzeptieren, unzeitgemäße Programme ent-lernen, kognitive Altlasten loswerden und Fixierungen überwinden – aber all diese Dinge fallen einer Generation, die brillieren muss, nicht gerade leicht.

Gescheitert sind auch bereits einige ambitionierte Initiativen des gedifo. Und es ist fraglich, wieviel davon an die Öffentlichkeit dringen darf. Nur eben: Im gedifo wird Scheitern nicht mit Versagen gleichgesetzt. Da werden dann nicht gleich die Maßregler auf den Plan gerufen. Trotz heftiger Niederlagen lassen sich die Beteiligten von den dicken System-Gummiwänden nicht einschüchtern und halten an ihrer Vision fest, probieren neue Wege aus. Dabei können sie an Erfahrung, Kompetenz und Freunden dazugewinnen. Man könnte regelrecht sagen, im gedifo wird das Scheitern zur Kompetenz-Quelle.

Communities of Practice (CoP) betrachten Scheitern als Teil des Ganzen. Schwächen werden toleriert, geeignete Coping-Strategien ausgetauscht und daraus schließlich kreative Lösungsansätze geschaffen. Wie das Zukunftsinstitut vor fast zehn Jahren postulierte: „Ich scheiterte, also bin ich!“ Und womöglich können wir ja endlich eine „Kultur des Wandels“ schaffen, indem wir auch Niederlagen ganz einfach mal zulassen und akzeptieren. Und dann gemeinsam nach konstruktiven Lösungen suchen.

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